Ich wollte eine Illustration zum Thema Vielfalt erstellen.
Als Graphic Recorderin und Illustratorin (und eigentlich auch als Mensch allgemein) ist es mir sehr wichtig, nicht in Stereotype zu verfallen, sondern die Vielfalt des Menschseins abzubilden. Und doch merke ich gerade während eines Graphic Recordings, in dem ich ja live Gehörte Inhalte in Bilder übersetze, wie ich doch schnell auf die immer wieder gleichen Charaktere zurückgreife. Klar, man muss ja auch Vieles gleichzeitig machen: zuhören, Wichtiges im Geiste notieren, Kernaussagen aufschreiben und visuelle Metaphern finden. Und zeichnen. Man ist im Performance Modus. Deshalb wollte ich mal wieder aktiv sein, meine Zeichen-Muskeln trainieren, wieder frische Ideen in meine Hände bringen. Wie viel Vielfalt fällt mir ein? (Fast ein Zungenbrecher!)
Ich merkte schnell: durch reines Nachdenken stoße ich wieder an Grenzen und irgendwie sind die Figuren auch nicht authentisch. Also was tun? Raus aus der Wohnung und beobachten! Ehrlich gesagt war es richtig toll, sich mal wieder mehr mit den Menschen in der Stadt zu beschäftigen. Wer alles so über den Trierer Hauptmarkt läuft, im Palastgarten entspannt, einfach beim Bäcker einkauft. Beobachten ohne zu werten, sich einfach mal darauf einlassen.
Und mit neuer Inspiration wieder ran an die Illustration. Diese sollte eigentlich viel rougher werden (bei Graphic Recordings hat man ja normalerweise wenig Zeit für die einzelnen Figuren), aber das Bild hat sich anders entwickelt. Und das ist auch ok.
Die Erwartung an Vollständigkeit ablegen
Immer wieder erwischte ich mich bei dem Gedanken: Ist diese Illustration nicht noch unvollständig? Habe ich nicht Unmengen an Menschen vergessen? Und die Antwort ist ganz klar: ja! Denn wie könnte die Darstellung von Vielfalt jemals komplett sein? Genau das ist ja das Wundervolle: jeder Mensch ist einzigartig, von innen wie von außen, jeder Versuch von Vollständigkeit MUSS scheitern. Ich hätte also auch ein Bild mit 300 Personen zeichnen können und hätte dort zwar noch mehr Vielfalt abbilden können, aber natürlich wäre auch das nicht näher an „Vollständigkeit“ herangekommen.
So sind es nun etwas über 30 Menschen geworden und auch wenn mir noch 50 mehr Ideen im Kopf herumschweben, mag ich die Auswahl. Wie gesagt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit 😉
Probiert es aus: 30 verschiedene Menschen zeichnen
Ob Graphic Recorder oder nicht, das Beobachten von Menschen ist eine wertvolle Erfahrung für jedermann und -frau. Probiert es aus und skizziert erst einmal aus dem Kopf heraus 10 Personen. Es muss nicht toll aussehen, auf die Ideen kommt es an. Dann beobachtet das nächste Mal, wenn ihr draußen seid, die Menschen, die an euch vorbeikommen, mit euch im Bus sitzen etc. Wiederholt die Zeichenübung. Sind die Ideen vielfältiger und authentischer geworden?